Session 3 und vom Schreien, Schlagen und Wegrennen

1. Juli bis 13. Juli 2018

Wie schon einmal angedeutet, durfte ich in Session 3 dann auch einmal Lead (also hauptverantwortlicher Betreuer meiner Gruppe) sein und ‚LifeTrex‘ leiten, ein zweiwöchiges Camp für Jugendliche und junge Erwachsene mit Autismus.

In diesem Jahr sollten insgesamt 9 junge Männer (zwischen 16 und 26) mit 3 Betreuern für 13 Tage in Plattformzelten leben, ihr Essen selber zubereiten, Selbstständigkeit üben und aus vielen Unterrichtseinheiten z.B. zu den Themen Hygiene, Ernährung, Beruf/Zukunft oder Gefühlen wie Stress und Wut, vielleicht das ein oder andere mitnehmen. Außerdem waren drei Ausflüge geplant, zum Waschsalon, Supermarkt und Second-Hand-Geschäft. Und Spaß sollte natürlich auch nicht zu kurz kommen. Sonntagmittag, eine Stunde vor Ankunft der Camper, fühlte ich mich auf dieses doch etwas andere Camp eigentlich ganz gut vorbereitet.

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Ein Teil unserer Zelte

Doch es sollte anders kommen.
Das größte Problem war, dass wir fast durchgängig zu wenig Betreuer hatten. Den 1:3 Betreuungsschlüssel haben wir mit Müh und Not meistens geschafft, aber wenn man einen Camper dabei hat, der tagsüber fast durchgängig versucht, davon zu laufen und damit einen Betreuer einnimmt und dann auch noch das Essen selber gekocht werden muss, dann sind 3 Betreuer eigentlich schon nicht mehr so richtig ausreichend. Insbesondere, wenn eine Betreuerin dann nach einer Woche kündigt (ohne dir das irgendwie mitzuteilen und du erfährst es dann von deiner Chefin, als du die Betreuerin nach dem Ende ihrer Pause suchst, weil sie nicht wieder gekommen ist). Und du nach über einer Woche dastehst, mit zwei Betreuern, die die Camper eigentlich überhaupt noch nicht kennen, und du dich kaum traust, deine Stunde Pause zu nehmen (der eine andere Betreuer, der die ganze erste Woche gearbeitet und das auch wirklich gut gemacht hat, musste für drei Tage in seinem anderen Beruf arbeiten und war deshalb nicht da). Drei Betreuer wären ja theoretisch auch völlig ausreichend, wäre da nicht das zweite große Problem gewesen.
Zu viele der Camper, die an LifeTrex teilnahmen, waren für dieses Programm eigentlich nicht geeignet, denn der Aufbau dieses Camps richtet sich doch eher an junge Erwachsene mit Autismus, die zum Beispiel in der Lage sind, einer 30 minütigen bis 1 stündigen Unterrichtseinheit  zu folgen und vor allem auch zu kommunizieren, wobei das nicht zwangsläufig verbal sein müsste, aber mehr als Ja oder Nein schon hilfreich wäre. Von den neun Campern waren das vielleicht vier.
Und dann ist es natürlich auch nicht hilfreich, wenn es die zwei Wochen fast jeden Tag über 30°C sind und man die Nächte in logischerweise unklimatisierten Zelten verbringt, und jeder nach dem Frühstück schon das erste Mal durchgeschwitzt ist.
Da der eine Camper in meinem Zelt in manchen Nächten über Stunden alle 10 Minuten aufgestanden und durchs Zelt gestampft ist und ich dadurch in manchen Nächten maximal zwei mal zwei Stunden geschlafen habe, war ich die ganze Session über sehr übermüdet, was es auch nicht einfacher macht.
Es waren zwei sehr anstrengende Wochen.

1547399427041Nichtsdestotrotz haben wir viele Dinge gemacht und die lustigsten Momente erlebt.
Manchmal war es um 11, bis wir gefrühstückt hatten und Zähne putzen und evtl. Duschen waren und dann war es ja schon fast wieder Zeit, mit dem Mittagessen anzufangen. Somit haben wir zwar vielleicht nur die Hälfte der geplanten Unterrichtseinheiten geschafft, aber trotzdem zum Beispiel über Hygiene, Lebensmittelhygiene und den Umgang mit Stress und Wut gesprochen. Letzteres resultierte darin, dass mein einer Camper meinen Stressball (mit Sand gefüllten Luftballon) zerbiss. Nach der Hälfte der Zeit sind wir zu einem Waschsalon gefahren, um mal selber Wäsche waschen auszuprobieren. Zum Thema Sicherheit haben wir einen kurzen Film zum Notfallablauf „vermisster Camper“ gedreht, der aus einer Menge „Nein, jetzt noch nicht“, „Kannst du das und das sagen?“ und „Halt die Kamera fest“ besteht. Wir haben Plakate über Wünsche für die Zukunft gebastelt und über ausgewogene Ernährung gesprochen. Beim Bogenschießen am Samstag durften die Camper auf Luftballons schießen, die für verschiedene Lebensmittel standen, die wir dann am Montag in Mahlzeiten umsetzten – für jede Mahlzeit ein Gemüse, ein Obst (auch Saft), ein Milchprodukt, ein Getreideprodukt und ein Fleischprodukt (ich kann mich nicht mehr an alles erinnern, aber wir hatten sehr interessante Mahlzeiten am Montag, zum Beispiel Spargel zum Frühstück). Da wir die Sachen ja einkaufen mussten, ging es am Sonntag zu Walmart. Und nachdem ich meinem einen Camper zweimal durch den ganzen Walmart hinterhergerannt bin (er schoss einfach los und lief dabei fast ein kleines Kind über den Haufen), kann mich beim Einkaufen jetzt wahrscheinlich nichts mehr schocken. Nach der Aufregung gab es erstmal noch Eis für alle für den Rückweg im Auto.1547399414452Den Besuch im Second-Hand-Geschäft zwei Tage später ließen wir dann ausfallen und suchten nur anhand von Bildern ein angemessenes Outfit für ein Bewerbungsgespräch zusammen.
Zwischen dem ganzen Unterricht durfte aber auch der Spaß nicht zu kurz kommen und bei 30°C muss man sich auch immer mal abkühlen. Wir waren zweimal im See baden (was so schön unproblematisch war, da ich als Rettungsschwimmer einfach mit meinen Campern schwimmen gehen konnte ohne eine extra Person zu benötigen, die aufpasst), sind mit dem Boot gefahren und waren an der Wasserrutsche. Besonders witzig waren auch unsere Wasserpistolenkämpfe zwischen den Zelten. Wir bezwangen den Hochseilparcour und natürlich haben wir auch die Schafe, Ziegen, Alpakas, Schweine und Kaninchen besucht, waren bei den Pferden und sind geritten.

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Stolz es geschafft zu haben!

Wir bastelten hawaiianische Blumenketten für das Luau-Fest am Abend und ein großes Plakat für die Parade am 4th of July. Einmal gab es einen Halloweenabend inklusive Piñata und Gruselwanderung (die Figuren am Wegesrand wurden zum Beispiel mit „There is a one-legged one-armed body laying on the ground“ kommentiert („Da liegt ein einbeiniger, einarmiger Körper auf dem Boden“)). Wir retteten die entführte Braut und aßen Hochzeitstorte bei der Spaßhochzeit an einem anderen Abend. Manche Abende verbrachten wir ganz gemütlich ums Lagerfeuer, aßen S’mores, sangen Lieder und ließen die schon vergangenen Tage Revue passieren. Der Tanz am letzten Abend durfte natürlich auch nicht fehlen.

Ich möchte euch noch ein paar Anekdoten über einen meiner Camper erzählen:
In die zwei Wochen fiel auch der Fourth of July, der 04.07., der Nationalfeiertag der US-Amerikaner, den wir natürlich auch im Camp gefeiert haben, allerdings nur mit LED-„Feuerwerk“, sehr zum Unmut dieses Camper, der meinte, 4th of July ohne Feuerwerk geht doch gar nicht. Außer dass er versuchte auf einer wackeligen Bank auf und ab zuspringen, um das Feuerwerk, das wir in der Ferne hören konnten, zu sehen, ist aber auch nichts weiter passiert.
Dieser Camper drückte sich immer sehr gehoben aus und er konnte den ganzen „Die Unglaublichen“-Film auswendig, inklusive Betonung. Weshalb ich einmal erschrocken zu ihm gerannt bin, als er erbost  „This is not about you!“ („Hier geht es nicht um dich!“) rief. Beim Klettern an der Kletterwand sollten die Camper an die Griffe gehängte Zettel nach unten fallen lassen, auf denen Stressabbaumöglichkeiten aufgeführt waren. Und sie sollten die Zettel wählen, bei denen sie die entsprechende Stressabbautaktik als sinnvoll erachteten.  Auf halber Höhe der Kletterwand rief der Camper plötzlich „This calls for revolution“ („Das schreit/verlangt nach einer Revolution!“).1547399781130Sehr lustig war auch, als er einen anderen Camper, der gerade verschiedene Farben Kacke aufzählte („Yellow poop, greeen poop, orange poop, …), bat „Raise your level of discourse. Elevate your level of discourse.“ („Hebe das Niveau des Diskurses. Erhöhe das Niveau des Diskurses.“).
Und das Lustigste war wahrscheinlich als er, nachdem ein anderer Camper eine ganze Menge geriebenen Käse aus einer Ziploctüte vor sich hin gegessen hatte und er das schon eine Weile lachend kommentierte („I am not laughing I am being serious!“ – „Ich lache nicht, ich meine es ernst!“), meinte „That’s a lot of cheese. That’s a lot of dairy. That’s a lot of cholesterol. He is gonna risk heart attack that way“ („Das ist eine Menge Käse. Das ist eine Menge Milch. Das ist eine Menge Cholesterin. Er riskiert so einen Herzinfakt“). Auch wenn das wahrscheinlich gar nicht so lustig ist, wenn man nicht dabei war…

Aber genug davon, ich hatte ja (vor Monaten) versprochen, mal genau zu erkären, was ein Behavior ist.
Behavior. Was genau verstehen wir im Camp unter einem ‚Behavior‘? Behavior an sich bedeutet schlichtweg Verhalten. Gutes Verhalten, schlechtes Verhalten, angemessenes Verhalten. Aber der entscheidende Unterschied liegt daran, dass wir von ‚A behavior‘ sprechen – EIN Verhalten. Oft bezeichnen wir vor allem aggressives Verhalten, als ein Behavior. Aber auch, wenn ein Camper „nur“ schreit oder sich zum Beispiel weigert, irgendwo hinzugehen, würde man das eventuell als Behavior bezeichnen. Im Allgemeinen bezeichnen wir nur, für die entsprechende Person, „unnormales“ Verhalten als Behavior. Was nicht heißt, dass es nicht trotzdem relativ oft vorkommen kann (wenn z.B. jemand sonst eigentlich ganz nett ist, aber zweimal am Tag Ausraster hat, bei denen er um sich schlägt, würden wir diese Ausraster als Behavior bezeichnen).

Je mehr Behavior ich im Camp miterlebt habe, umso mehr habe ich auch gelernt damit umzugehen. Wann muss ich den Camper einfach eine Weile in Ruhe lassen? Sollte ich ihn eventuell fragen, ob er 5 Minuten spazieren gehen will (und habe ich dafür gerade überhaupt genügend Betreuer da)? Kann ich das Verhalten beenden, indem ich z.B. den Camper ablenke (seine Aufmerksamkeit auf etwas anderes lenke) oder mit ihm spreche oder hilft es am meisten, wenn ich ihn ignoriere? Was kann/sollte man ignorieren, was muss man adressieren – in dem Moment oder später? Brauche ich Hilfe und könnte es zur Gefährdung anderer kommen?

Gerade in den zwei Wochen LifeTrex habe ich einige Behavior erlebt. Ein Camper zum Beispiel hat mindestens einmal täglich einen von uns Betreuern gegen den Unterarm geboxt oder gegen das Schienbein getreten und sogar zweimal anderen Campern mehrmals heftig mit der Faust auf den Kopf geschlagen. Insbesondere, wenn sich Behaviors gegen andere Camper richten, ist das natürlich sehr unerfreulich.

So stressig es auch war, wäre es für mich möglich (ist es aber leider mit Uni nicht), würde ich LifeTrex im nächsten Jahr noch einmal leiten. Mit der Hoffnung, dass mehr Camper dabei wären, die für das Programm wirklich geeignet sind, aber auch mit all den Erfahrungen, die ich in diesem Jahr gemacht habe.

P.S.: Die Fotos wurden auf der Facebookseite des Fowler Centers veröffentlicht, weshalb ich hier auch Fotos von Campern zeigen kann 🙂

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